[BLOG] Besuch im Mémorial de la Shoah

Es ist der 3. Tag meines kurzen Paris-Urlaubes. Einen Tag vorher waren wir an dem Ort, an dem der Antifaschist Clement Meric im Jahr 2013 von einem Neonazi erschlagen wurde.

Wir fahren mit der Metro in das Marais-Viertel und bummeln ein wenig durch die kleinen, alten Straßen und sehen uns die Geschäfte an. Es ist Sabbat, der wichtigste jüdische Feiertag, weshalb die meisten Geschäfte geschlossen sind.

Überall sind Tafeln angebracht, welche an die ehemaligen Bewohner dieses Viertels erinnern. Das Marais-Viertel ist das Viertel, das auch als „Judenviertel“ bekannt ist. Auch heute leben hier noch viele Jud*Innen. Hier gibt es einige Synagogen, welche von schwerbewaffneten Polizist*innen geschützt werden. Um die Synagogen sind viele Kameras, die das Geschehen auf der Straße aufzeichnen.

Wir stehen gerade vor einer alten Synagoge, als an uns zwei Männer mit Kippa vorbeilaufen. Für mich ist das ein ungewöhnliches Bild. In Deutschland habe ich das nur selten gesehen.

Ich sehe den beiden Männern nach und beobachte, wie sie in die Synagoge gehen. Sie müssen einen Zahlencode eingeben, um das Gebäude betreten zu können. Gerne hätte ich mir die Synagoge von innen angesehen, aber ich habe mich nicht getraut zu fragen.

Wir laufen etwas weiter und passieren eine Schule, welche ebenfalls von zwei schwerbewaffneten Polizisten bewacht wird. Auch hier gibt es viele Kameras.

Vor den Fenstern der Schule sind Gitter angebracht, die wahrscheinlich verhindern sollen, dass die Fenster eingeworfen werden.

Unser Weg führt uns zum „Mémorial de la Shoah“, der zentrale Ort des Gedenkens an den Holocaust in Frankreich. Hier gibt es hohe Mauern und Zäune. An jeder Ecke hängt eine Kamera.

Wir gehen zum vorderen Eingang und klingeln. Die Tür öffnet sich automatisch und schließt sich kurze Zeit später hinter uns. Wir müssen durch eine Schleuse, in der unsere Taschen durchsucht werden. Danach müssen wir durch einen Metalldetektor, wie mensch ihn vom Flughafen kennt.

Nachdem wir durchsucht worden sind, öffnet sich vor uns eine zweite Tür.

Jetzt haben wir direkten Blick auf mehrere große Betonmauern (Mur des Noms, auf dt.: Mauer der Namen), auf denen ALLE Namen von französischen Juden stehen, die deportiert oder ermordet wurden.

Mir schaudert es, als ich sehe, wie klein die Namen geschrieben sind.

Ich überlege lange, ob ich meine Kamera auspacken soll, um ein Foto zu schießen. Ich entscheide mich dafür, weil ich daran denke, den Menschen in meinem Umfeld von meinen Erlebnissen zu erzählen.

Mich macht es sprachlos, die ganzen Namen zu sehen. Ich habe einen Kloß im Hals, weiß nicht, was ich sagen soll. Ob ich überhaupt etwas sagen soll.

Wir gehen weiter zum Haupteingang und treten ein. Die Vorhalle wirkt auf mich wie die eines Museums. Der Raum ist wohl temperiert und es ist ruhig.

Wir holen uns an der Rezeption einen Plan des Museums und orientieren uns kurz.

Als erstes gehen wir zu einer Ausstellung über Frauen im Widerstand gegen die Nazis. Leider habe ich von dieser wenig behalten.

Anschließend gehen wir in einen großen Raum. Der Raum ist leer.

In der Mitte ist ein großer Judenstern auf dem Boden. In der Mitte brennt ein kleines, ewiges Feuer. Durch ein Fenster in der Decke wird der Stern beleuchtet. Es ist ein eindrucksvolles Bild.

Mir schießen die Tränen in die Augen, als ich an der Wand hinter mir eine große Holzwand mit Tür sehe. Es ist die Tür einer Baracke aus einem Konzentrationslager.

Jetzt kommt eine französische Schulklasse herein. Ich beschließe, ab jetzt mit meiner Begleitung Englisch zu sprechen, weil ich mich schäme, Deutscher zu sein, wenn ich an die „Mauer der Namen“ oder die Wand der Baracke denke.

Wir gehen in den nächsten Raum, in dem die Geschichte eines jüdischen Jungen beschrieben wird.

In einer Glasvitrine liegen seine Schuhe und die Kleidung aus dem KZ, die er kurz vor seiner Ermordung noch getragen hatte. Ich sehe den Judenstern an seiner Kleidung und wieder geht mir ein kalter Schauer über den Rücken.

Wir sehen uns einen kurzen Film über das Leben des Jungen an, der glücklicherweise auf Englisch synchronisiert wurde.

Der nächste Raum ist komplett abgedunkelt. An weißen, beleuchteten Tafeln hängen Bilder von jüdischen Menschen. Es sind Familienbilder, Bilder von spielenden Kindern oder Bilder aus dem Urlaub. Es sind ganz normale Bilder, eben wie die Menschen, die auf diesen zu sehen sind.

Aufgrund von Zeitmangel müssen wir unseren Museumsrundgang nach diesem Raum beenden.

An der Rezeption erhalte ich gegen eine Spende eine Kerze, die ich vor die „Mauer der Namen“ stellen möchte.

Beim verlassen des Gebäudes laufen wir über den Hof, auf dem ein Denkmal mit den Namen aller Konzentrationslager steht.

An den Wänden sind Tafeln, die vom KZ-Alltag erzählen. Sie wurden von einem jüdischen Künstler gestaltet, welcher selbst in ein KZ deportiert wurde.

Am Ausgang müssen wir wieder durch eine Schleuse.

An einer der Außenmauern entdecken wir noch die „Mauer der Gerechten“. Es ist eine Liste der Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus jüdischen Menschen geholfen oder diese versteckt hatten.

Für mich war der Besuch des Mémorial de la Shoah sehr eindrucksvoll. Ich habe nach dem Besuch einige Zeit gebraucht, um das Aufgenommene/Gesehene zu verarbeiten.

Nach meinem Besuch im Marais-Viertel in Paris habe ich das Gefühl, dass Frankreich ein großes Problem mit Antisemitismus hat. Überall Kameras und schwerbewaffnete Polizisten, um eine Gemeinschaft zu schützen, die schon zu oft vertrieben wurde.

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